Eine komplizierte Formulierung für eine einfache Idee: Kaffeefilter und Filterpapier waren geboren! Und zwar aus einer alten Blechdose, deren Boden sie mit Hammer und Nagel durchlöcherte und einem zurecht geschnittenen Löschblatt aus dem Schulheft ihres Sohnes.
Eine kluge 35-jährige
Am 31.1.1873 wurde Amalie Auguste Melitta Bentz, geb. Liebscher, in Dresden als Tochter eines Verlagsbuchhändlers in Dresden geboren. Sie wird als "eine bemerkenswert hübsche Frau", tatkräftig und pflichtbewusst mit gesundem Temperament beschrieben. Ihre Großeltern besaßen in Strehla/Sachsen eine Brauerei. Sie heiratet Johannes Emil Hugo Bentz, Abteilungsleiter in einem Dresdner Kaufhaus (geb. 20.4.1873 in Clausthal-Zellerfeld als 12. Sohn des dortigen Rektors) bekommt 2 Söhne und eine Tochter.
Gründermentalität und Familiensinn
Die Anfänge der Firma M. Bentz sind bescheiden. Mit 72 Reichspfennigen Startkapital meldet Melitta beim Dresdner Gewerbeamt ein "kaufmännisches Agentur- und Kommissionsgeschäft" an. Die Filterpapierherstellung beginnt in einem 8qm großen Zimmer in der Dresdner Fünfzimmer-Wohnung der Familie. Hugo Bentz gibt seinen Beruf als Angestellter in einem Kaufhaus auf. Die fünfköpfige Familie montiert und verpackt die Filter in der eigenen Wohnung und ist zugleich auch Vertriebsorganisation. Die Söhne liefern Filterpapier-Kartons mit dem Bollerwagen aus, der Ehemann führt in Schaufenstern die Handhabung des Kaffeefilters vor - eine Vertriebsidee, die übrigens von Melitta erfunden wurde und die später mit den sogenannten "Vorführdamen" weiter ausgebaut wird. Melitta macht derweil Werbung im Freundeskreis: sie lädt Freundinnen zum Kaffeeklatsch ein und präsentiert „vollendeten Kaffeegenuss“. Daneben sorgt sie dafür, dass in der kleinen Produktion alles klappt.
Weitermachen nach dem Zusammenbruch
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wird Papier knapp, außerdem sperrt die Regierung die Kaffee-Einfuhr. Bis Kriegsende führt Melitta Bentz den Betrieb, da Ehemann Hugo im Kriegseinsatz ist. Die Filterherstellung ruht, Melitta erwirtschaftet mit dem Verkauf von Kartons den Lebensunterhalt für die Familie.
Nach Kriegsende wächst die Firma schnell, weitere Ausbaumaßnahmen sind notwendig. Auch die Verstärkung der Exportaktivitäten, die 1922 mit der Tschechei und der Schweiz beginnen, lassen die Kapazitäten in Dresden an ihre Grenzen stoßen. Doch in Dresden stehen keine adäquaten Industriegebäude für eine Ausweitung der Produktion zur Verfügung.
Zu neuen Ufern nach Minden
Melitta und Hugo Bentz stoßen auf der Durchreise in Minden auf die Gebäude einer ehemaligen, still gelegten Schokoladenfabrik, die sie erwerben. Sie lassen ihre Firma ins Handelsregister der Stadt Minden eintragen. Seither ist Minden Hauptsitz des Unternehmens.
Am Gründonnerstag 1929 – so will es die Legende - übersiedelt Melitta mit 55 Mitarbeitern und den vorhandenen Maschinen nach Minden, in ein Fabrikgebäude, in dem später einmal rund 1.000 Mitarbeiter beschäftigt sein werden. Vier Tage später läuft der Betrieb bereits. Die Stadt Minden erlässt der Firma die “Realsteuern” (Ertragssteuern) für die ersten 5 Jahre.
Das soziale Gewissen
1932 erfolgt der erste Generationenwechsel: die Mehrheit der Melitta-Werke Aktiengesellschaft geht an die beiden Söhne Horst und Willy. Melitta Bentz bleibt bis zu ihrem Tod 1950 das „soziale Gewissen“ der Firma.
Seit 1930 gibt es bei Melitta Weihnachtsgeld. 1932 wird intern die gesetzliche Urlaubszeit von 6 Tagen auf 15 Tage angehoben und die Wochenarbeitszeit auf 5 Tage reduziert (1933). 1938 entsteht unter ihrer Schirmherrschaft die „Melitta-Hilfe“, ein firmeneigener Sozialfonds für Mitarbeiter.
Eine Weltmarke entsteht
Die 2. Unternehmergeneration stellt ihr Unternehmertum ganz unter das Motto: Expansion. Melitta erobert nicht nur den Haushaltsmarkt mit Kaffeefiltern und Filterpapier, sondern auch den Gastronomiemarkt. Am Filterpapier wird ständig getüftelt und verbessert: 1936 kommt dann die heute noch gebräuchliche und weltweit bekannte Filtertüte auf den Markt. Der Filter erhält seine spitz zulaufende Form, die markentypische Filtertüte wird geschaffen und patentiert. Der Melitta-Schriftzug wird in seine heutige Form gebracht.
Der Zusammenbruch: 12 Jahre Behelfsproduktion
Im 2. Weltkrieg muss das gesamte Friedens-Fabrikationsprogramm eingestellt und stattdessen kriegswichtige Artikel produziert werden (Munitionsgurte, Pfannen, Töpfe). Melitta wird „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ und beschäftigt auch Zwangsarbeiter. Dieser Verantwortung stellt sich im Jahr 2000 die nachfolgende Unternehmergeneration und beteiligt sich am Fonds „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ der Bundesregierung.
Mit Kriegsende wird das unzerstörte Melitta-Werk in Minden beschlagnahmt und zwölf Jahre lang von den alliierten Truppen als Unterkunft genutzt. Die Produktionsabteilungen werden behelfsmäßig im Raum Minden - zum Teil in Gaststätten – untergebracht. Melitta Bentz erlebt die Erfolge des Wiederaufbaus noch mit; 1950 steigt der Umsatz von 0 auf 4,7 Mio. DM.
Das Wirtschaftswunder erfasst auch Melitta
In den 50er Jahren wird in Minden die erste Melitta-Papierfabrik gebaut mit der seinerzeit modernsten Papiermaschine Europas. Schlag auf Schlag folgen Investitionen; die Steigerung des Gesamtumsatzes von 26,5% kommt im Jubiläumsjahr 1958 gerade recht. Mit Akquisitionen und Produktneuheiten weitet Melitta das Geschäft aus: neben Kaffee, Filtertüten und Kaffeeautomaten sowie Haushaltswaren (Lebensmittelfolien und -beutel aus Papier/ Kunststoff/Alufolie, Staubsaugerbeutel, Putztücher und - schwämme) - sind Porzellan, Süßwaren, Zigarren und Fruchtsäfte die Dinge, die nach der
Vision des damaligen Unternehmers Horst Bentz zu einem "gedeckten Tisch" gehören. Sie werden per Unternehmensakquisition in die Melitta Gruppe integriert.
Expansion: Wachstum ohne Grenzen
Auch die Gründung von Auslandsgesellschaften geht schnell voran - zunächst in Europa, in den 60er Jahren auch in Übersee. Mit Papierfabriken und Röstereien wird in Brasilien und den USA der Grundstein für ein erfolgreiches Überseegeschäft gelegt, von dem das Unternehmen noch heute profitiert.
Alles in allem macht Melitta - wie so viele Unternehmen in dieser Zeit - eine stürmische Entwicklung durch. Ware muss zugeteilt werden, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot; 30% der Belegschaft besteht zu dieser Zeit aus ausländischen Arbeitskräften, weil der Arbeitsmarkt leergefegt ist. Die Märkte boomen; bis in die 70er Jahre hinein scheinen dem Wachstum keine Grenzen gesetzt zu sein. Ende der 70er Jahre erzielt die Melitta-Gruppe mit 10.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,6 Mrd. DM.
Rückbesinnung auf das Kerngeschäft
Aber auch für Melitta endet die stürmische Wachstumsphase. Nicht mehr nur Expansion steht auf dem Programm, sondern Konzentration der Kräfte. Die in den Jahren zuvor zusammengetragene Vielfalt erweist sich plötzlich als unwirtschaftlich und unübersichtlich. Es wird deutlich, dass Wachstum auch Kosten verursacht. Die Märkte stagnieren, Gewinne schrumpfen. Die Melitta Gruppe trennt sich von Geschäftsfeldern, in denen sie für ihre Aktivitäten und Kompetenzen keine Zukunftsperspektive sieht (Porzellan, Süßwaren), oder die sich in stark schrumpfenden Märkten bewegen (Zigarren).
Eine neue Markenstrategie
Die Struktur der Produktbereiche ist zu jener Zeit auf den ersten Blick unübersichtlich. Melitta vereint in sich so unterschiedliche Sortimente wie Kaffeezubereitung, Kaffee, das sogen. Großverbrauchergeschäft, Haushaltsfolien, Müllbeutel, Staubsaugerbeutel, Teezubereitung usw. Um Produkte und Geschäftsfelder für die Handelspartner und den Verbraucher klarer zu gliedern, wird 1988 die Markenpolitik neu definiert. Fünf strategische Geschäftsfelder mit den fünf Marken Melitta® (Kaffee-Genuss), Toppits® (Frische und Geschmack), Swirl® (Praktische Sauberkeit), Cilia® (Tee-Genuss) und Aclimat® (Bessere Wohnumwelt) entstehen. Diese Umstellung ist risikoreich und mit einem hohen Kostenaufwand verbunden, hat sich aber bis heute bewährt.
Melitta heute
Heute sind die beiden Enkel von Melitta Bentz, Dr. Stephan Bentz und Dr. Thomas Bentz, geschäftsführende Gesellschafter einer Führungsholding, die aus klassischen Zentralbereichen besteht. Das operative Geschäft wird in rechtlich selbständigen Gesellschaften von familienfremden Geschäftsführern betrieben.
Das Filtertütengeschäft (quasi das „Erstlingsprodukt“) macht mittlerweile nur noch 11% des Gesamtumsatzes von mehr als 1 Mrd. Euro aus. Den größten Anteil nimmt mit über 40% das weltweite Kaffeegeschäft ein. Melitta hat traditionell eine starke Marktstellung im Konsumgüterbereich - besonders in Deutschland, aber auch in Europa und in Übersee. In Brasilien, dem Land des Kaffees, gehört Melitta zu den Marktführern von vakuumverpacktem Kaffee und hat mit dem Erwerb eines lokalen Rösters weitere Regionen ins Visier genommen. In den USA steht die Marke Melitta für gehobenen Kaffeegenuss und ist die Nummer 1 bei Filterpapier; auch hier wird mit neuen Konzepten und Produkten an der Ausweitung der Marktpräsenz gearbeitet.
Neue Märkte und Produkte im Visier
Das Hauptaugenmerk der Melitta-Gesellschafter gilt heute der Frage, wie und mit welchen Produkten kann die Gruppe weiter wachsen. Als Familienunternehmen mit begrenzten Ressourcen hat die Konzentration auf Kernkompetenzen und Kernmärkte Vorrang, um im Wettbewerb erfolgreich zu bestehen.
Neue Produkte und deren erfolgreiche Marktpräsenz werden im Rahmen eines internen Innovationsmanagements besonders gefördert und sollen das Wachstum voran bringen.
Eine weitere Variante der Wachstumssicherung, die Kooperation mit starken Partnern, hat die Unternehmensgruppe in verschiedenen Märkten erfolgreich umgesetzt: in China betreibt Melitta gemeinsam mit Miele einen Produktionsbetrieb für Elektrogeräte, in anderen asiatischen Ländern arbeitet das Unternehmen mit Partnern zusammen.
Auch in Europa gibt es noch einige wenig bearbeitete Märkte, denen die Melitta-Gruppe sich in den nächsten Jahren verstärkt mit Produkten aus allen strategischen Geschäftsfeldern zuwenden will.
Quelle:
www.melitta.de